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„GO OST”

Der Zorn Gottes in Rock gegossen – nicht umsonst hieß die Debütsingle von Armia „Aguirre“. Vermittelndes Mastermind der Armia-Ursprungskonstellation, Ideengeber und Gast auf vielen Armia– und Izrael–Platten war Sławomir Gołaszewski.
Klarinettist und Betreiber eines psychedelischen Projekts namens Asunta, aber vor allem Philosoph, der nach alten scholastischen Methoden studiert hatte, und davon ausgehend Verbreiter der Rasta–Philosophie in Polen.
Darüber hinaus fungierte Gołaszewski als Kompilator der ersten wirklichen Underground – LP „Fala“, die 1985 als eine Art Soundtrack zum gleichnamigen Jarocin – Dokumentarfilm erschien und neben vielen aktuellen Sounds zwischen Punk und Reggae auch ein Stück der längst aufgelösten Kryzys präsentierte.

Als mich die Armia–Wucht zum ersten Mal traf, kam sie natürlich aus dem Radio: 14. Mai 1988, bei DT64, im „Parocktikum“, wo sonst. Holger Luckas im Bericht über das zweite „Marchewka–Festival“ in Warschau (die dritte Reisen der anderen): „Schneller, intelligent gespielter, abwechslungsreicher Punk. Brylewskis Gitarrenspiel überzeugte derart, dass zumindest optisch waschechte Punks am Rande der pogo–tanzenden Meute in schönster Siebziger–Jahre–Manier verzückt die Phantomgitarre bedienten… Zu Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug gesellte sich ein Hornist, der Banan heißen soll und auch bei anderen Bands dieses Festivals mitwirkte, bei KULT und T.LOVE.
Sein charakteristisches, wuchtiges Hornspiel erinnert an den Bläsereinsatz bei Laibach.“

Die aber kannte ich noch gar nicht, und so war das Stichwort für mich wahrscheinlich „pogo–tanzende Meute“. In eine solche warf ich mich dann ja auch im nächsten Jahr, inzwischen selbst Mitglied einer ganz anderen Volksarmee. Verzweifelt–ekstatischer Urlaubspogo in der Werner–Seelenbinder–Halle, Ende September 1989, als die DDR in den letzten Zügen lag, man nur noch nichts davon wusste, sondern allein das Gefühl hatte, es müsste nicht nur, sondern es würde sich bald etwas ändern. Man selbst sein Leben sowieso. Armia hingegen, die den Saal mit ungewohnt professioneller Härte aufmischten,
kamen da schon aus einem sich rasant ändernden Land.

Was ich zudem vorher schon kannte, war der Song „Anti-Armia“, ein beliebter Pogo–Track von Die Firma, eine sehr freie englisch–deutsche Cover–Version der Bandhymne „Niewidzialna Armia“, deren Text im Booklet einer ihrer Kassetten zu finden war, die ich 1987 nach einem Konzert im Berliner Jugendklub Tierpark erworben hatte:

    Unsere Herzen sind wie Knoten
    Unsere Gedanken sind wie Schatten
    Unsere Momente sind wie ein Jahr
    Unsere Tage sind wie die Nächte
    Unsere Worte sind wie Blut
    Unsere Schritte sind wie ein Regen
    Unsere Augen sind wie ein Traum
    Unser Leben ist wie ein Song
    Wir sind die Lacher, die allmächtigen Lacher
    Wir singen von der vergessenen Fülle
    Wir sind die angesiedelten Siedler
    Wir sind eine Armee
    Wir sind die unsichtbare Armee

In rauchig leidvoller Stimme von der später als Stasi–IM enttarnten Bassistin und Sängerin Tatjana [Besson] ins Mikro gestöhnt beziehungsweise gedröhnt… Gänsehaut. Oder auch ein wenig: gesungene Poesie am romantisch gekräuselten Rand zum Kitsch. Je nach Betrachtungsoder Hörwinkel. Im Original zitiert zudem auf jenem Armia–Plakat, das mir in Swinoujscie geschenkt worden war.

    GO OST
    Klang – Zeit – Raum
    by
    Alexander Pehlemann
    © Ventil Verlag 2o14

[ss. 34,35]

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